Der Chinatrüffel, lat- Tuber Himalayensis / Tuber indicum

Es handelt sich dabei um die asiatischen Varianten tuber himalayensis und tuber indicum. In China beheimatet, sind sie vor einigen Jahren ziemlich abrupt bekannt geworden. Das herausragende Merkmal der beiden Varianten ist ihre verblüffende äußerliche Ähnlichkeit mit dem tuber melanosporum. Allerdings haben sie generell sehr wenig Geschmack und Parfüm, und sind meist von kleinem Wuchs.

China war lange Zeit ein sehr abgeschiedenes Land, so ist es nicht verwunderlich, dass die kulinarische Bedeutung und der Wert der Trüffel dort unbekannt waren und sie vor allem als Viehfutter genutzt wurden. Erst vor wenigen Jahren entdeckte ein China-Reisender, dass es dort Trüffel gibt, die dem berühmten schwarzen Trüffel extrem ähnlich sehen und dabei nur einen Bruchteil der europäischen Ware kosten. Nun gab es zwei Möglichkeiten, mit diesem Trüffel Geld zu verdienen. Die korrekte wäre gewesen, eine neue Sorte Trüffel auf dem Markt zu platzieren, sie preislich irgendwo zwischen tuber aestivum und tuber melanosporum einzuordnen und abzuwarten, wie der Markt darauf reagiert.

Leider aber bot sich auch die Möglichkeit, die frappierende Ähnlichkeit und die zufällig parallel verlaufende Saison zu nutzen, um die chinesischen Trüffel unter die guten tuber melanosporum zu mischen. Bedauerlicherweise entschieden sich verschiedene Importeure für die zweite Möglichkeit. So war zu beobachten, dass ein Kilo Trüffel in einer Woche z.B. bei Händler A 715, bei Händler B 410 und bei Händler C nur 255 Euro kostete. Zum Schluss haben alle draufgezahlt. Händler A sowieso. Er hatte korrekte Ware eingekauft, im Vergleich zu den Vorjahren jedoch nur einen Bruchteil der Mengen verkauft. Dies aber mit einer sehr viel geringeren Marge als üblich, da die Kunden die viel günstigeren Konkurrenten bevorzugten. Händler B, der nur „etwas“ untergemischt oder versehentlich schon gemischte Ware gekauft hatte, zahlte ebenfalls drauf. Weil sich bei ihm die Reklamationen häuften, war er gezwungen, Gutschriften zu gewähren, oder Ersatz zu liefern. Händler C, der vorsätzlich und in großem Stil gemischt, oder sogar reine Chinaware verkauft hatte, trug den größten Schaden davon.

Für ihn war sein Handeln letztlich sogar Existenz bedrohend, wenn nicht gar Existenz vernichtend. Bei einer Firma in Umbrien wurden bei einer Razzia 46.000 Kilo Chinatrüffel in Konserven sichergestellt. Diese Menge entspricht einer Jahresernte tuber melanosporum. Die Firma versuchte sich damit herauszureden, dass sie diese Trüffel aus spekulativen Gründen gekauft habe. Dagegen spricht allerdings der Testkauf eines TV-Magazins. Es wurden Trüffel dieser Firma als Konserve gekauft und mikroskopisch untersucht. Dabei stellte man fest, dass in den Dosen nicht, wie auf dem Etikett zu lesen, tuber melanosporum, sondern Chinatrüffel enthalten waren. Die Strafe für diese Firma soll drakonisch gewesen sein. Nach diesem Warnschuss haben sich alle Trüffelhäuser vom Chinatrüffel distanziert. Dazu gehörten auch Firmen, die nie Trüffel gemischt oder Konserven „gefälscht“ hatten.

 

 

Fotograf: Thomas Ruhl/Port Culinaire
Fotos und Texte aus dem Buch Trüffel und andere Edelpilze von Ralf Bos und Thomas Ruhl
 

Subjects